Über Markus 14,29–31 – Steffen Tuschling

Steffen Tuschling

12. November 2023

Die Gnade…

Petrus aber sagte zu ihm: Wenn auch alle Ärgernis nehmen, so doch ich nicht! 30 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe denn der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 31 Er aber redete noch weiter: Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen! Das Gleiche sagten sie alle.
Mk 14, 29-31

Liebe Gemeinde,

in den letzten Tagen haben wir der Pogrome vom 9. November 1938 gedacht. Der Zerstörung der Synagogen, aber auch der jüdischen Geschäfte, Arztpraxen, sogar Wohnungen. Der Mob zog durch die Straßen und zerrte Leute aus ihren Häusern. Wahllos, Hauptsache sie waren Juden. Schlug sie und demütigte sie, zerdepperte ihre Geschäfte. Bilder zeigen, wie die Leute als Zuschauer dabei standen. Zufällig als Passanten vorbeigekommen oder durch den Krawall angelockt, Schaulustige. Wir sehen sie da stehen, betreten schweigen die einen, hämisch grinsen die anderen.

Wegen der vielen Glassplitter erfand die Berliner Schnauze den Begriff Reichskristallnacht. Die Berliner Schnauze, wo war sie an dem Tag? Die Akteure aus SA und Partei haben sie sicher in der häßlichen Weise aufgerissen, die wir auch heute noch kennen. Aber wo war die mutige, wider den Stachel löckende? Die meisten hielten sie lieber, ihre Berliner Schnauze. Standen da und gingen dann stumm nach Hause.

Unser Predigttext erzählt die kurze Vorgeschichte von der Verleugnung des Petrus. Petrus, der verspricht, alles so gaanz anders zu machen. Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen! Wie die Geschichte weitergeht, wissen wir alle. Der Verrat am Freund. Der allein weggeführt wird. Allein. Petrus steht ihm genauso wenig bei, wie all die anderen.

Diese Geschichte ist so schrecklich, so alltäglich zugleich.

Das Alleingelassenwerden, das ist die jüdische Erfahrung hier in der Diaspora, schreibt Michael Brenner dieser Tage in einem Zeitungsartikel. Alleingelassen zu werden, das ist auch die jüdische Erfahrung in Deutschland, in der Vorgeschichte des 9. November 1938 und erst recht in dem, was dann kam.

Entscheidend für unsere Erfahrung, für unser Trauma ist doch nicht, was unsere Feinde getan haben, sagt Brenner. Feinde haben wir viele, in einer antisemitischen Welt. Die tun stets das, was man von Feinden erwartet. Entscheidend ist doch nicht, was unsere Feinde tun. Entscheidend ist, was unsere Freunde tun. Die sich plötzlich als vermeintliche Freunde erweisen. Indem sie uns im Stich lassen, wenn wir sie am nötigsten brauchen.

Diese Erfahrung ist ein Trauma. Und erzeugt Angst. Angst greift auch in diesen Tagen wieder um sich – bei vielen Juden hier im Land. Angst, wieder allein da zu stehen. Unsere vielen „Nie wieder“, nie wieder Nazitum, nie wieder Auschwitz… aufgesagt an so vielen 9. Novembers und anderen Gedenktagen… was ist, wenn diese „Nie wieders“ so wenig wert sind, wie das Versprechen des Petrus, den Freund nicht im Stich zu lassen.

Liebe Gemeinde, mich hat sie in den vergangenen vier Wochen erschreckt: die Weigerung vieler Mitchristinnen und Mitchristen, Israel Solidarität zu zeigen in dessen schwersten Stunden. Nun sage keiner, aber Israel, das ist doch nicht die jüdische Nachbarin, Israel, das ist doch ein Staat, der ist selbst schuld, weil er … und so weiter. Nein, so sehr man Israel kritisieren mag, Israel ist doch der einzige Staat der Juden. Israel, das war hier in der Diaspora sowas wie die Lebensversicherung meiner jüdischen Nachbarin. Dieser einzige Staat der Welt, in dem Juden ihr Schicksal und ihre Sicherheit in die eigene Hand nehmen. Sowas wie ein Rettungsring am Ufer, die letzte Zuflucht, die dann offensteht, wenn sich hier wieder die Feinde zusammenrotten und die Freunde abwenden.

Und diese sichere Bank, die ist ins Wanken gekommen, am 7. Oktober 2023. Denn das vermeintlich so starke Israel hat sich plötzlich als sehr verwundbar erwiesen. Das ist es ja, was die Hamas zeigen wollte.

Was, fragt die in den Menschen hochkriechende Angst, wenn Israel gar keine sichere Zuflucht ist? Wohin dann mit meinen Gefühlen und wohin mit der Angst, wenn plötzlich in Berlin Pogromstimmung herrscht?

Und die christlichen Freunde – sie schweigen. Sie relativieren. Sie sehen die globale Politik. Schon vergessen die Erkenntnisse langen theologischen Ringens nach dem Holocaust? Die Entstehung des Staates Israel sehen wir als Zeichen der Treue Gottes mit dem geschundenen jüdischen Volk, so hatte zuerst die Evangelische Kirche im Rheinland, und dann auch der Reformierte Bund bekannt. Nun wird eben diesem Staat die Auslöschung angesagt. Kann man da „neutral“ bleiben?

Als die Islamofaschisten von der Hamas Menschen wahllos abschlachteten, Juden, Araber und Ausländer, Hauptsache sie waren gerade im Süden Israels, und das dabei lachend in die Welt hinaus sendeten? Wo blieb da die Welle der Empörung in Berlin, die bei einem amerikanischen Verbrechen sofort hochkochen würde?

Schwestern und Brüder, ich kann uns die kurze Beschreibung nicht ersparen: Hier sind Babies in Backöfen gebraten worden und Kinder geköpft und zuvor deren Väter und Mütter vor den Augen dieser Kinder erschossen worden. Hier sind junge Frauen vor den Augen anderer junger Frauen mehrfach brutalstmöglich vergewaltigt und dann bestialisch ermordet worden. Und danach wiederum vergewaltigt und auf Haufen geworfen. Und das alles haben diese fröhlichen Dschihadisten mit Handies anderer Opfer, von Freundinnen oder Großeltern oder Eltern gefilmt und dann auf deren Facebook account gestellt.

Wo blieb da unser Aufschrei? Ich habe viel Kritik gehört daran, dass ein israelischer Politiker diese Terroristen als „nicht menschliche Wesen“ bezeichnet hat. Das ist nicht in Ordnung, selbstverständlich. Aber worüber wäre es wert, sich aufzuregen?

Ich erzähle Ihnen die Geschichte von Elishewa Patterson, eine echte Geschichte. Elishewa Patterson ist jüdisch und lebt in Frankfurt. Die 57jährige Familienmutter solidarisiert sich schon ihr ganzes Leben lang mit denen, denen in ihren Augen Unrecht geschieht.

Als George Floyd von einem amerikanischen Polizisten getötet wurde, stand Elishewa Patterson sofort auf dem Frankfurter Römer und rief mit den andern: „Black lives matter!“ Als Jina Mahsa Amini von der iranischen Sittenpolizei getötet wurde, stand sie wieder da. Und auch, als Putin in die Ukraine einmarschierte. Aber als die Hamas am 7. Oktober über die Grenze kam und ihre jüdischen Brüder und Schwestern abschlachtete, da war Patterson allein.

Noch am Vorabend hatten sie zusammen bei ihr Schabbat gefeiert, jüdische und nicht jüdische Freunde, die ganze Wohnung voller Leute. Am Freitag nach dem 7. Oktober kam niemand. Die jüdischen Freunde fragten, wie es ihr geht, die anderen schwiegen. Manche von denen, die sie für Verbündete gehalten hatte, redeten plötzlich vom berechtigten Widerstand der Hamas, von „Dekolonisierung“.

Das Schweigen, von dem Patterson spricht, dröhnt gerade vielen Juden in Deutschland in den Ohren.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, war kürzlich mit seinem Sohn bei der Kinderärztin, sie prüfte seine Reflexe. „Entweder man hat einen Reflex, oder man hat keinen“, sagt Mendel. Nach dem 11. September 2001 oder den Anschlägen in Paris 2015 habe man in Deutschland sehen können, wie ein gesamtgesellschaftlicher Reflex aussieht. Da gab es Schweigeminuten in der U-Bahn, da wurden Profilbilder in schwarz gefärbt.

„Der Slogan ‚Je suis Charlie‘ wurde dreißig Minuten nach dem Anschlag ins Leben gerufen, das kam von unten; da musste kein Vizekanzler eine neunminütige Rede halten“, sagt Mendel bitter. Nach dem 7. Oktober habe es in einem Teil der Bevölkerung dagegen den Reflex gegeben, auf der Straße zu tanzen. „Bei den andern 99 Prozent gab es einfach keinen Reflex. Und das Problem ist: Wir können das nicht rückgängig machen. Egal wie viele Kundgebungen es am Brandenburger Tor gibt, wie viele Reden gehalten wurden, für mich ist erst mal die Erkenntnis: Dieser Reflex ist nicht da. Jedenfalls nicht, wenn es um Juden geht.“

Das hat auch mich erschreckt, liebe Schwestern und Brüder. Die emotionale Kälte, die Jüdinnen und Juden derzeit entgegenschlägt.

In Berlin fliegen Molotowcocktails auf Synagogen, wurden Wohnhäuser von Juden mit Davidsternen beschmiert. „Kill Juden“ schrieb jemand auf eine Mauer in Friedrichshain, daneben Hakenkreuze. Und unter deutschen Studenten und Aktivisten ist ein Spruch Mode geworden, der ein wenig so klingt wie die rechtsradikale Klage über einen „Schuldkult“: „Free Palestine from German guilt“.

Und wir reagieren verhalten bis gar nicht. Was ist da los?, auch in unseren Gemeinden, frage ich mich.

Denn das sich nicht empören wollen, das sind ja unsere Reaktionen. Nicht die der Sonnenallee, so übel die Baklavafeten auf der Sonnenallee auch waren. Dass Politiker nun so tun, als könne man Antisemitismus einfach abschieben, macht auch Elishewa Patterson wütend. Besonders grotesk findet sie es, dass ausgerechnet Hubert Aiwanger gerade erklärte, für den Antisemitismus im Land seien die Zugewanderten verantwortlich. Einerseits.

Andererseits: Als sie in diesen Tagen an der Erinnerungsstätte 9. November im Ost­end vorbeikam, sah sie ein neues Graffiti: „Free Palestine. Zionist Assassin.“ Dort, wo die größte Synagoge Frankfurts stand, bis die Nazis sie 1938 abfackelten. Und plötzlich hat Patterson Gedanken, die sie nicht von sich kennt. „Die hassen uns“, denkt sie. Und: „Es gibt wirklich die und uns.“

Schon im Jahr 2014 wurde ihr Fenster mit einem Hakenkreuz und dem Spruch „Juden raus“ beschmiert. Kurz darauf flog eine Bierflasche in die Wohnung, jemand rief „Judenschwein“. Patterson würde trotzdem nie auf die Idee kommen, sich zu verstecken. Was ihr aber plötzlich Angst macht, ist die Verweigerung von Empathie jener Leute, die von morgens bis abends Sensibilität predigen. Und die schulterzuckende Teilnahmslosigkeit der deutschen Mehrheit. Kluge Menschen, die von einem „Genozid“ an den Palästinensern sprechen, aber für die Massaker der Hamas kein Wort übrig haben. Kollegen, die nicht mal fragen „Wie gehts?“, wenn Patterson mit den Tränen kämpft. „Sorry“, sagt sie, „aber solche Freunde brauche ich nicht.“

Liebe christliche Gemeinde. Heute gilt es, Flagge zu zeigen. Freunde und Nachbarinnen nicht im Stich zu lassen.

Auch wenn unsere Sorge auch den Palästinenserinnen und Palästinensern gilt, die so bitter leiden. Die die Hamas zu ihren menschlichen Schutzschilden macht.

Auch wenn wir um Frieden beten, und zwar um einen dauerhaften und möglichst gerechten Ausgleich im und ums Heilige Land.

Auch wenn wir inständig alle unterstützen, die nicht mehr Hass, sondern Frieden pflanzen. Besonders in den arabisch-christlichen Schulen im Westjordanland, die wir durchs Berliner Missionswerk jetzt mehr denn je unterstützen sollten.

Dennoch gilt es heute, Solidarität mit Israel zu zeigen. Nicht mit all seiner Politik. Aber mit seiner Existenz, die bedroht ist. Es nicht allein lassen.

Zum Nicht-Alleinlassen gehört auch, den Geschichtsnarrativen zu widersprechen, die sich überall breitgemacht haben. Es gibt nicht einen jüdischen Goliath und einen arabischen David. Es gibt weltweit nur einen Staat der Juden, doch sehr viele arabische. Und noch mehr muslimische.

Es gibt nur einen Staat der Juden, und in den sind nicht nur Europäer eingewandert, er wurde auch Zuflucht der Juden aus den arabischen Ländern. Genauso viele von ihnen verloren in den 40er und 50er Jahren ihre Heimat in Arabien, wie das auch Palästinenser in Israel erlitten. Das macht kein Schicksal besser, aber es ist wert, wahrgenommen zu werden.

Diese orientalischen Juden, die Mizrahim, sind inzwischen in Israel integriert und beheimatet. Die Palästinenser in den arabischen Ländern nicht. Hier wird eine Wunde absichtlich offengehalten.

Es ist, als würden ich und auch meine Kinder in Deutschland im Flüchtlingslager leben, weil meine Großeltern einst von den Polen vertrieben wurden. Ich würde die Polen hassen und mein Sohn würde Bomben in Warschau zünden. Aber so ist es nicht. Wir Kinder der Vertriebenen sind eher Brückenbauer in die östlichen Nachbarländer. Man muss die Wunden von Vertreibungen nicht über 75 Jahre offenhalten. Aber man kann es, das zeigt die arabische Welt.

Es gibt einen jüdischen Staat, und in dem sind 20% der Bevölkerung Araber. Als stolze Staatsbürger und weitgehend gleichberechtigt. Es gibt hingegen heute keinen arabischen Staat mehr mit einer signifikanten jüdischen Minderheit.

Ja, Israel ist viel zu kritisieren, für die Siedlungspolitik genauso wie für die Regierung Netanyahu. Für das Setzen auf militärische Lösungen. Für viel Arroganz den arabischen Nachbarn gegenüber.

Und dennoch soll mir jemand den Staat im Nahen Osten nennen, in dem Menschenrechte mehr geachtet werden.

Mit dem Reformierten Bund haben wir deutschen Reformierten im Jahre 1997 feierlich bekannt:

„Weil wir als Christen in einem besonderen Zusammenhang mit dem jüdischen Volk stehen, treten wir öffentlich für das Leben dieses Volkes ein und begleiten voll Hoffnung und Sorge das Leben der Juden im Land Israel und den Weg des Staates Israel. Wir widersprechen allen Bestrebungen, die das Lebensrecht Israels problematisieren. Mit unseren Gebeten und in politischer Verantwortung sind wir dem Staat Israel, seiner Lebensgestalt und seiner Entwicklung, besonders in seinen Gefährdungen und Bedrohungen, zugewandt und verpflichtet.“

Liebe Christinnen, liebe Christen: Petrus sagte seinem Freund: Wenn auch alle Ärgernis nehmen, so doch ich nicht! Und nachher hat er sich nicht daran gehalten.

Lasst uns bitte heute einmal nicht Petrus sein. Die Jüdinnen und Juden bitte nicht allein lassen.

Amen.