Über II. Könige 5,1–19a – Steffen Tuschling

Steffen Tuschling

21. Januar 2024

1 Naaman, der oberste Heerführer von Syrien, war ein ausgezeichneter Soldat und Stratege. Er genoss hohes Ansehen, und der König schätzte ihn sehr, hatte doch der HERR durch Naaman den Syrern zum Sieg über die Feinde verholfen. Doch Naaman war aussätzig! 2 In seinem Haus lebte ein israelitisches Mädchen. Syrische Soldaten hatten es auf einem ihrer Raubzüge in das Land Israel gefangen genommen und nach Syrien verschleppt. Sie war die Sklavin von Naamans Frau geworden.

3 Eines Tages sagte das Mädchen zu seiner Herrin: »Ach, wenn mein Herr doch einmal zu dem Propheten gehen würde, der in Samaria lebt! Der könnte ihn von seiner Krankheit heilen.«

4 Naaman ging daraufhin zum König und berichtete ihm, was das Mädchen aus Israel gesagt hatte. 5 Der syrische König bestärkte ihn, den Propheten aufzusuchen, und gab ihm ein Empfehlungsschreiben an den König von Israel mit.

Naaman machte sich auf den Weg. Er nahm 7 Zentner Silber, 70 Kilogramm Gold und 10 Festkleider als Geschenke mit. 6 Das Schreiben an König Joram von Israel lautete: »Der Mann, der dir diesen Brief überreicht, ist mein Diener Naaman. Ich habe ihn zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz heilst.«

7 Als Joram den Brief gelesen hatte, zerriss er entrüstet seine Kleider und rief: »Bin ich etwa ein Gott, der Macht über Leben und Tod besitzt? Wie kommt der Syrer nur darauf, einen Aussätzigen zu mir zu schicken, damit ich ihn heile? Es liegt ja auf der Hand, was er will: Krieg will er mit uns! Und das hier ist nur ein Vorwand.«

8 Schon bald hörte auch der Prophet Elisa, dass der König voller Entrüstung seine Kleider zerrissen hatte. Er schickte einen Boten zum Palast und ließ Joram ausrichten: »Warum bist du so aufgebracht? Schick diesen Mann zu mir! Er soll erkennen, dass es hier in Israel einen Propheten des wahren Gottes gibt.«

9 Kurze Zeit später fuhr Naaman mit seinem Gespann bei Elisa vor. 10 Der Prophet schickte einen Diener vor das Haus, der dem syrischen Heerführer sagen sollte: »Geh an den Jordan und tauch siebenmal im Wasser unter! Dann wird dein Aussatz verschwinden, und du wirst gesund sein.«

11 Da wurde Naaman zornig, kehrte wieder um und schimpfte: »Ich hatte erwartet, der Prophet würde zu mir herauskommen, sich vor mich hinstellen und zum HERRN, seinem Gott, beten. Ich hatte mir vorgestellt, wie er seine Hand über meine kranken Stellen hält und mich von meinem Aussatz befreit. 12 Als ob unsere Flüsse Abana und Parpar, die durch Damaskus fließen, nichts wären! Dabei sind sie viel sauberer als alle Bäche Israels! Kann ich nicht auch darin baden und gesund werden?«

Voller Wut machte er sich auf den Heimweg. 13 Doch seine Diener versuchten ihn zu beschwichtigen: »Herr, wenn der Prophet etwas Schwieriges von dir verlangt hätte, dann hättest du es sicher auf dich genommen. Und nun hat er dir nur befohlen, dich zu baden, damit du gesund wirst. Dann kannst du es doch erst recht tun!«

14 Naaman ließ sich umstimmen und fuhr an den Jordan hinunter. Wie der Bote Gottes es befohlen hatte, stieg er ins Wasser und tauchte siebenmal unter. Und tatsächlich: Seine Haut wurde wieder glatt und rein. Er war gesund.

15 Da kehrte er mit seinem ganzen Gefolge zum Propheten zurück und bekannte ihm: »Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Welt einen wahren Gott gibt außer in Israel! Nimm darum ein Dankesgeschenk von mir an.«

16 Doch Elisa wehrte ab: »So wahr der HERR lebt, dem ich diene, ich nehme keine Geschenke!« Naaman versuchte mit allen Mitteln, ihn zu überreden, aber ohne Erfolg.

17 Schließlich bat er: »Wenn du schon nichts willst, mein Herr, dann habe ich einen Wunsch: Ich möchte so viel Erde von hier mitnehmen, wie zwei Maultiere tragen können. In Zukunft will ich nämlich keinen anderen Göttern mehr Brand- und Schlachtopfer darbringen, nur noch dem HERRN, dem Gott Israels. Ich möchte ihn auf der Erde aus seinem Land anbeten.

18 Doch eines möge der HERR mir vergeben: Wenn mein König zum Beten in den Tempel unseres Gottes Rimmon geht, dann stützt er sich auf meinen Arm. Und so muss ich mich auch niederwerfen, wenn er sich vor seinem Gott zu Boden wirft. Dies möge der HERR mir vergeben!«

19 Elisa antwortete nur: »Geh in Frieden!«

 

Liebe Gemeinde!

eine Wundergeschichte aus uralter Zeit. Der sagenhafte Prophet Elischa lebte vor über 2800 Jahren im Nordreich Israel. Eine Wundergeschichte, ja, doch diese Wundergeschichte erzählt nicht nur ein Wunder, sie steckt voller Wunder.

Glaubst Du auch wirklich an Wunder?, fragten mich evangelikale Studenten in Cottbus immer wieder. Ihrer Überzeugung nach ist nur der wirklich ein Christ, der an massive Wunder glaubt. Wunder in diesem Sinne, also Mirakel wider alle Regeln der Naturgesetze, enthält unsere Geschichte nur ein einziges: Die Heilung des aramäischen Feldherrn durch siebenmaliges Bad im Jordan.

Aber unsere Geschichte enthält viel mehr Wunder. Freilich ist schon Naamans Heilung ein großes Wunder. Denken wir an all das Unglück, das durch Krankheit, auch Hautkrankheit verursacht wird. Und die verzweifelte Hoffnung auf Heilung. Was nützt Dir alles Feldherr-Sein, wenn weißer Aussatz deine Haut überzieht. Wir können dem nicht mehr auf den Grund gehen, was Naaman genau hatte. Aber uns ist das Entsetzen des Naaman klar vor Augen, als er eines Tages seine Haut ansieht. Ist es Aussatz, ist es Hautkrebs? Ist es ein Pilz, der sich auf der Haut ausbreitet? Ist es ein Ekzem, Lepra oder die Schuppenflechte? Auf einmal ist diese sonderbare und entstellende Krankheit da. Moderne Dermatologen tun sich mit einer stimmigen Ferndiagnose schwer. Jedenfalls: Für Naaman ist nichts mehr wie vorher.

Die Krankheit scheint „progredient“ zu sein. „Progredient“ ist alles, was einem keine Ruhe mehr lässt, weil es weiterwächst, weil es nicht mehr einholbar und ausbremsbar ist. Weil das eigene Immunsystem etwas nicht mehr eindämmen kann und weil entgrenzte Krankheit auf das Gemüt schlägt. Haut, die derart erkrankt ist, kann maßlosen Juckreiz auslösen.

Und Scham, weil alle diese Krankheit sehen. Man sie nicht verstecken kann. Den Feldherrn Naaman packt das Entsetzen. Und die Erkenntnis: Alle Berühmtheit, alle militärischen Ränge nützen gar nichts, wenn einen schwere Krankheit befällt. Letztlich steckt hinter jedem erfolgreichen Politiker, General oder Präsidenten doch nur ein abhängiger und bedürftiger Mensch!

Und da geschieht nun das nächste, nein, tatsächlich das erste Wunder der Geschichte: Es gibt ein israelitisches Mädchen, das ist von den syrischen Truppen verschleppt und versklavt worden und es dient im Hause des Naaman. Sie hört von der Krankheit des Hausherrn. Und eines Tages wendet sie sich an ihre Herrin: »Ach, wenn mein Herr doch einmal zu dem Propheten gehen würde, der in Samaria lebt! Der könnte ihn von seiner Krankheit heilen.«

Das verschleppte Mädchen hätte wirklich allen Grund gehabt, ihrem Herrn den Tod an den Hals zu wünschen. Aber ihre Menschlichkeit siegt und sie gibt den sehnlich erwarteten Tipp, wo es Hilfe gibt.

Und das nächste Wunder: Feldherr Naaman glaubt der Israelitin. Und setzt tatsächlich seine Hoffnung auf ihre Information. Hilfe erwartet er jetzt im Nachbarland, beim politisch und miltitärisch nicht ganz so bedeutenden Israel. Eine direkte Reise erwägt er als guter Beamter freilich nicht, er geht den Dienstweg, lässt sich durch ein Empfehlungsschreiben seines Königs beim König von Israel anmelden.

Doch dieser Weg bringt nichts. Denn der König von Israel denkt weniger in Wunder- als in Realpolitik-Kategorien. Und vermutet, dass die Aramäer, die Syrer, ihm mit diesem Brief eine Falle stellen, einen erlogenen Kriegsgrund suchen: Als Joram den Brief gelesen hatte, zerriss er entrüstet seine Kleider und rief: »Bin ich etwa ein Gott, der Macht über Leben und Tod besitzt? Wie kommt der Syrer nur darauf, einen Aussätzigen zu mir zu schicken, damit ich ihn heile? Es liegt ja auf der Hand, was er will: Krieg will er mit uns! Und das hier ist nur ein Vorwand.«

Was nun, Naaman? Damit hätte deine Reise zuende sein können. Wenn nicht, ja wenn nicht das nächste Wunder geschehen wäre: Der Mann in Samaria, von dem die israelitische Magd gesprochen hatte, hat Wind von der Sache bekommen. Und er lässt nach Naaman schicken, ruft den Feldherrn zu sich.

Und Naaman geht hin. Mit sich all die wertvollen Geschenke. Verdutzt, ja etwas enttäuscht ist er schon, als er die unbedeutende Prophetenhütte sieht. Noch größere Enttäuschung folgt auf dem Fuße: Der israelitische Wundermann lässt ihn draußen vor der Hütte stehen. Kommt nicht heraus, bittet ihn auch nicht herein. Lässt ihm nur durch einen Burschen ausrichten: »Geh an den Jordan und tauch siebenmal im Wasser unter! Dann wird dein Aussatz verschwinden, und du wirst gesund sein.«

Das nun erscheint dem Naaman als schlechter Scherz. Regelrecht verschaukelt fühlt er sich. Gedemütigt – weder vom König, noch von diesem Propheten mit wirklichem Respekt behandelt. Vor der Hütte stehen gelassen. Und dann die Empfehlung. Im Jordan baden. In diesem trüben Rinnsal. Tatsächlich gibt es daheim in Syrien klarere, sauberere, schönere Flüsse. Naaman ist außer sich vor Zorn. Ich hatte erwartet, der Prophet würde zu mir herauskommen, sich vor mich hinstellen und zum HERRN, seinem Gott, beten. Ich hatte mir vorgestellt, wie er seine Hand über meine kranken Stellen hält und mich von meinem Aussatz befreit.

Wer sonst Chefarztbehandlung gewöhnt ist, dem kommen Hausmittelchen lächerlich vor.

Wieder sind es die kleinen Leute, die die Geschichte voranbringen. Ähnlich der israelitischen Magd vom Anfang sind es nun die Diener, die ihrem Chef den entscheidenden Tipp geben:

»Herr, wenn der Prophet etwas Schwieriges von dir verlangt hätte, dann hättest du es sicher auf dich genommen. Und nun hat er dir nur befohlen, dich zu baden, damit du gesund wirst. Dann kannst du es doch erst recht tun!«

Was für ein Segen: solche Leute zu haben, wenn unser Zorn oder Stolz es verhindern wollen, dass wir einen guten und richtigen Schritt gehen! Was für ein Wunder, wenn der große General auf die Stimmen der kleinen Knechte hört.

Naaman steigt aus seinem Wagen aus, die stolze Uniform fällt zu Boden, jeder kann jetzt die kranken Stellen auf seiner Haut sehen. Schutzlos watet er zum Ufer und steigt ins Wasser. Sieben Mal soll er im Jordan untertauchen. Siebenmal sollen die Fluten des Wassers ihn komplett benetzen. Naaman soll selbst die Initiative ergreifen. Er wird nicht passiv „behandelt“ oder ärztlich „medikamentiert“.

Er muss alles zur Heilung Notwenige aktiv selbst tun. Und er tut es! Als er beim siebten Mal wieder auftaucht, ist er geheilt. Die Krankheits-Symptome sind weg, die Haut „ist wieder in jugendlicher Frische“, wie die Bibel bemerkt. Seine Freude ist groß. Naaman spürt: da war und da ist eine Macht am Werk, vor der er, der stolze und mächtige Feldherr, in die Knie gehen muss. Da ist ein Gott, der stärker ist als die schlimmste Krankheit.

Ein zweites Mal erscheint jetzt der sonderbare Zug vor der einfachen Hütte des Propheten. Diesmal kommt Elischa selbst heraus. Naaman würde sich gerne erkenntlich zeigen für diese großartige Hilfe. Wir erinnern uns: Er hat hohe Geldbeträge mitgebracht, auch schmucke syrische Kleider.

Eine Hand wäscht die andere. Doch bei Elischa gelten andere Grundsätze. Im Orient praktisch unbekannt. Eine gegenseitige Schuld gibt es nicht zu begleichen. Sondern hier geht es um einen Gnadenerweis Gottes, den kann man nicht bezahlen. »So wahr der HERR lebt, dem ich diene, ich nehme keine Geschenke!« Naaman versuchte mit allen Mitteln, ihn zu überreden, aber ohne Erfolg.

Für Naaman ein weiteres Wunder. Das überwältigt ihn. Und schlagartig erkennt er, welcher Gott der entscheidende ist. Nur noch dem möchte er sich zuwenden.

Und bittet den Elia um 2 Maultierladungen Erde vom Heiligen Land, um in Zukunft auf der zum Gott Israels zu beten. Diesen Wunsch wird Elischa dem Feldherrn nicht abschlagen. Was für ein Wunder! Der große Feldherr der Aramäer bekehrt sich zum Gott Israels!

Und Elischa hört noch dessen Nachsatz: Doch eines möge der HERR mir vergeben: Wenn mein König zum Beten in den Tempel unseres Gottes Rimmon geht, dann stützt er sich auf meinen Arm. Und so muss ich mich auch niederwerfen, wenn er sich vor seinem Gott zu Boden wirft. Dies möge der HERR mir vergeben!«

Das hört sich nun freilich nicht nach Zeugnis ablegen und mutigem Bekennen an, sondern nach Kompromiss und persönlicher Realpolitik.

Und ein so unbestechlicher Prophet wie Elischa muss so etwas eigentlich ablehnen. Mit aller Macht sträubt sich sein Inneres … doch über seine Lippen kommt nur der Segensgruß: „Geh in Frieden“.

Das kann nur ein Wunder Gottes sein. Der den richtigen Weg jetzt nicht durch Rigorismus kaputt macht. Sondern durch Großzügigkeit erlaubt.

„Geh in Frieden“. Schalom! Sagt der kleine Prophet dem großen Feldherrn. Und der nimmt es an, nimmt den Frieden Gottes mit ins fremde Land.

Schalom! Sagt man in Israel bis heute. Und Salaam in Arabien. Und zueinander sagen sie es fast nie.

Diese Geschichte aber sagt uns: Es gibt aber doch die Wunder Gottes.

Zu allermeist vielleicht das Wunder, über den eigenen Schatten zu springen. Feinde als Menschen zu sehen. Über den Tellerrand der Nations- und Religionsgrenzen zu schauen. Zu wagen, Höhergestellten Ratschläge zu geben. Und zu wagen, sich darauf einzulassen. Vertrauen wagen. Hoffnung, die nicht enttäuscht wird.

Diese Geschichte gehört zu den heiligen Schriften Israels. Über 2800 Jahre lang weitererzählt.

Das lässt hoffen.

Auch, dass auch wir fernen Heiden, weder Israeliten noch Araber, diese und viel mehr Geschichten mitgeerbt haben. Und von ihnen lernen dürfen, was für Wunder es gibt. Und Hoffnung gegen den Augenschein.

Auf dem Glauben der Geschichten Israels fußt unser Glaube. Diese schlichte Wahrheit haben wir über Jahrhunderte verleugnet und fast abgeschüttelt. Ein Wunder, dass uns das nicht gelungen ist.

Wunder Gottes. Eine Wundergeschichte aus uralter Zeit.

Deren Hoffnungs-Potenzial sehr aktuell ist.

Amen.